Die Kamera öffnet den Blick auf die höfischen Räume von Palais Sternberg in Wien – Prunktreppen, Zimmerfluchten, Barockstuckaturen, Parkettböden in geometrischen Mustern –, wo einige Frauen unterschiedlicher geografischer Herkunft scheinbar unnützen und unproduktiven Tätigkeiten nachgehen. Sie sehen aus dem Fenster, liegen gelangweilt auf dem Diwan oder sitzen stumm um einen Tisch, als wären sie Opfer eines Zaubers oder würden sich freiwillig in gekünstelter Passivität üben. Andere liegen auf dem Boden oder gleiten verstohlen die Wände des Palais entlang und versuchen vergeblich Klavier zu spielen. Die Dimension der Zeit scheint nicht vorhanden und gleichzeitig gedehnt und aufgehoben zu sein, verändert, wer weiß, durch einen geheimen Zauber, der die Frauen zu einem längeren Aufenthalt im Palais zwingt. Eine totale Aphasie beherrscht den Ablauf der Bilder, die zwischen erzwungener Untätigkeit und freiwilliger und widerwilliger Ungewissheit schweben, wie in Herman Melvilles Novelle Bartleby, the Scrivener, der auf jede Aufforderung, seine Arbeitsaufgaben zu erfüllen, stets I would prefer not to wiederholt und damit zeigt, dass sich gerade in der Untätigkeit die radikalste revolutionäre und subversive Geste verbergen kann.
Steckt nun im Verhalten der Frauen ein zwingendes Nichtstun oder vielmehr die Nonchalance eines bewussten Entschlusses zur Selbstnegation? Das entscheidende und am meisten entfremdende Element, das alle Handlungen der Protagonistinnen des Videos in ein absurdes Zerrbild zu zwängen scheint, sind die aus übereinandergestülpten Eiswaffeln bestehenden fingierten Nasen. Tentakeln oder zusätzlichen Gliedmaßen gleich schränken sie die Wahrnehmung der Frauen und ihre Bewegungen ein, werden zum visuellen Mittelpunkt der Szene und erweisen sich als Angriffswaffen, Lanzen, die in der Schlussklimax rund um einen Tisch zu Bruch gehen. In dem Moment bricht der Zauber und befreit sich der Wille, die Protagonistinnen können aus der Abgeschlossenheit des Palais ausbrechen und endlich sich selbst kennenlernen.
Pinocchia, don't lie to me! scheint das Gefühl einer Notlage und ihrer Überwindung zu resümieren, die Dimension der Täuschung als Unechtheit und den Aufruf, sie zu überwinden, um wieder einen echten Wirklichkeitsbezug zu bekommen. Die lange Nase ist für Sissa Micheli ein Mittel voller Anspielungen, ein Paradigma für Ängste und Zwänge, Falschheiten und Enthüllungen (eindeutig auch der Bezug zu Carlo Collodis Pinocchio) zwischen Gut und Böse, Bildung als Verwirrung und Wiedergeburt im komplexen Prozess der Herausbildung des Selbst.
Insofern verweisen die Verwandlungs- und Entfremdungsszenen von Pinocchia, don't lie to me! auf eine weit ältere Tradition, als es zunächst scheint. Die nasenartigen Eiswaffeln – teils Symbolik und teils phallische und bissige Archetypen – scheinen die weit zurückreichenden römischen und italischen Fastnachtsfeiern und Saturnalien aufzugreifen, wo Freizügigkeit und Rollenumkehr vorübergehende Umstürze der Gesellschaftsordnung und überraschende Verherrlichungen des Andersseins erlaubten. In der Kultur Roms und Latiums geschah dies insbesondere bei den Feszenninen, den Kanevas von Schauspielen, die man zur Feier der Ernte und gleichzeitig zur Abwehr des bösen Blicks aufführte, wobei die zweideutige Macht des Fascinum heraufbeschworen wurde, des männlichen Gliedes als Symbol für Stabilität und Gewähr. Mit einem weiteren Zeitsprung bei den Bedeutungen und Deutungen wäre es denkbar, dass die Waffeln eine subtile feministische Wirkung auf Gesicht und Körper der durchweg weiblichen Protagonistinnen ausüben. So erscheint die Schlussszene mit den durch Stöße gegen den Tisch zerstörten Waffeln als Gipfel einer Rebellion, in der sich die Frauen endlich vom Fascinum der Männlichkeitssymbolik, worin sie gefangen waren, befreien und die Unabhängigkeit wiedererlangen. Die schamlose Verherrlichung des weiblichen Körpers, das zwanghafte Beifallheischen mit Hilfe des Werbemarketings, die korporative und männlichkeitsbetonte Kultur des Gewinnstrebens und des Populismus in der Politik erscheinen somit versinnbildlicht durch die Waffeln: männliche Täuschungsmittel, die nun zertrümmert sind; damit zeigt die Künstlerin ihre Absicht, eine neue Zeit der Freiheit in den Vordergrund zu stellen. So liefert Sissa Micheli, zwischen Spielerei und Tragik, Farce und Spott, mit ihrer Poetik von Ice Cream & Politics ein treffendes, durchweg weibliches Porträt einer unerforschten und möglichen, weltlichen, ironischen und zutiefst erwünschten Authentizität.
  Luigi Fassi