Galerie Bäckerstrasse 4

Die bäckerstrasse4-plattform für junge kunst wird mit Sissa Michelis Einzelausstellung zum Schauplatz für inszenierten Geschichten. Die gebürtige Südtirolerin, die in den letzten Jahren mit einer Reihe von Ausstellungsprojekten im In- und Ausland reüssieren konnte, arbeitet an der Schnittstelle zwischen Fotografie und Film und betont die Rolle des Betrachters, den sie in ihre Arbeit miteinbezieht. Zeit, Raum, Licht und Material sind die Schlagwörter in Michelis Arbeiten. Doch nicht nur diese großen Begriffe zeichnen ihre Serien aus, sondern die Liebe zum kleinen, nebensächlichen Detail, welches die Künstlerin aus der Nebenrolle ins Licht des Scheinwerfers rückt.

Micheli führt den Betrachter durch die Ausstellung und inszeniert dabei eine medienreflexive Reise durch die Elemente des Films und der Fotografie. Der erste Weg verläuft durch die Arbeit "Scenarios for a Possible Filming Location". Zu sehen sind zwei Schwarz-Weiss Fotografien, die in Schuss-Gegenschuss (Shot- Reverse-Shot) Konstellation abgebildet sind, eine auch im Film häufig verwendete Einstellung. Dargestellt ist ein Wohnzimmer in einer verlassenen, leerstehenden Villa aus den 1930er-Jahren in Südtirol. Diese Verlassenheit wird durch den etwas staubigen Boden und das 1960er-Jahre Interieur nochmals verstärkt. Auch das Fotopapier als Bildträger hat Micheli passend dazu gewählt. Es stammt ebenso aus den 1960er-Jahren und man sieht deutlich, dass es seine Lebensdauer überschritten hat. Auch die glitzernde Schrift auf der Wand soll an alte Zeiten erinnern, vor allem an die Ära der großen Hollywood Filme.

Inspiriert durch den Aufenthalt im Rahmen des Artist-in-Residence Programm "Projektraum Albrechtsfeld" im Burgenland im vergangenem Jahr, entstanden neue Werkserien, neue Komponenten zur Thematik Film und Fotografie. Material und Requisite werden in den Installationen Michelis zu Protagonisten. In der Serie "Cinematic stage scenery" stehen Kulissengerüste für sich selbst und sind gefüllt mit dem fotografischen Drehbuch einer möglichen Liebesgeschichte. Genauso wie in der Werkserie "The actress's props". Hier werden Requisiten wie Perücken, Schuhe, Taschen und Geld zu Akteuren, die – auf auf einen Reflektor projiziert – in filmischen Sequenzen auf und ab tanzen. Dieser Reflektor wurde seiner ursprünglichen Funktion enthoben und wird zur Projektionsfläche und Leinwand. Im zweiten Teil der Arbeit wird Micheli selbst zur Akteurin und zeigt sich mit vielen Perücken, die auch ihr Gesicht verhüllen, sodass der Fokus auf der Anonymisierung des Akteurs, Schauspielers liegt.

Wenn der Betrachter an der Arbeit "the moving motion picture studio" vorbeigeht, begegnet er einem weiteren Element: Der Bewegung. Diese wird durch drehende weiße Reflexschirme dargestellt, die die g der Filmspule simulieren sollen und gleichzeitig Werkzeuge der Fotografie sind. Die Schrift nimmt auch einen wichtigen Platz in Michelis Arbeiten ein, teilweise nur beschreibend, teilweise aber inhaltlich aufgeladen. In der Serie "Scenario Cluster" spielt die Künstlerin mit Regieanweisungen und sinnlichen Erfahrungen, die der Titel der einzelnen Scenarios verrät.

In der Serie " Yesterday's Tomorrows", kommt die Farbe zurück ins Bild. In dieser konkreten Arbeit bringt Micheli für einen fotografischen Moment Objekte und Menschen in einem Haus zum Schweben, zum Fliegen oder Hängen, und "entrückt" sie somit ihrer gewohnten Lage. Sie möchte damit an die einstige Lebendigkeit in diesem Haus anknüpfen und es aus dem Dornröschenschlaf erwecken.

Der Schwerpunkt in Sissa Michelis Arbeit liegt in der Inszenierung. Sie greift in Situationen und Räume ein und zeigt sie aus einem neuen Blickwinkel. Sie führt Regie meist ohne Schauspieler und weist den Nebensächlichkeiten eine Rolle zu. Die Künstlerin überträgt sowohl Fotografisches in den Film als auch Filmisches in die Fotografie, definiert die Grenzen aber nicht ganz klar und lässt in ihre Geschichten bewusst einen Spielraum für Phantasie des Betrachters.

Lara Starhemberg