Die Alessandro Casciaro Galerie zeigt mit Werken von Sissa Micheli und Jürgen Klauke einen inspirierenden Zweiklang zweier außergewöhnlicher künstlerischer Positionen der Gegenwart. Die Südtiroler Künstlerin hat sich den deutschen Documenta-Teilnehmer als Dialogpartner gewünscht. In ihrem fotografischen Werk gibt es eine Reihe von Berührungspunkten zu entdecken: die Inszenierung und Ästhetisierung der menschlichen Existenz sowie ihrer Identität, das Spiel mit Präsenz und Absenz, mit Stofflichkeit und Sinnlichkeit, die Lust am Extravaganten und Surrealen, am Rätselhaften und Humorvollen.
Sissa Micheli hinterfragt in vielfältigen Fotografien, Videoarbeiten und Objekten Alltägliches und Bekanntes, eröffnet neue Blickwinkel und Sichtweisen. Die Bildoberfläche verweist oft auf etwas Anderes, dahinter Liegendes, auf eine verborgene Geschichte, die nur erahnt werden kann. Neugierig und forschend nähert sie sich ihren Untersuchungsfeldern und erschafft einen sinnlichen wie hintergründigen Mikrokosmos, der sich zwischen Realität und Fiktion bewegt. Jenseits der funktionalen Zuschreibung verleiht Micheli Objekten aufgeladene Bedeutungsebenen mit surrealer Strahlkraft. So zeigt die Künstlerin Fotoarbeiten aus der Serie "Museum Rapsody – Objective Correlatives", in der sie Gegenstände miteinander kombiniert, ohne dass diese in einem zwingenden Verhältnis zueinanderstehen. Durch ein feinfühliges poetisches wie humorvolles Arrangement werden sie aber gegenseitig mit neuem Sinn aufgeladen. Die Inszenierung ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit Michelis, das bewegte, dynamische Bild ein ständiger Begleiter. Mit fliegenden Kleidungsstücken erschafft sie faszinierende temporäre Skulpturen, die in einem sinnlich dynamischen Spiel das Flüchtige und Vergängliche feiern. In dem neuen, eigens für die Ausstellung entstandenen Fotografien schweben mächtige Textilien vor dem Gesicht einer Frauengestalt. Der in die Welt geworfene Mensch ist verletzlich, der Endlichkeit und dem Tod ausgeliefert.
Seit den 1970er Jahren beschäftigt sich Jürgen Klauke in Fotografien, Zeichnungen, Videoarbeiten und Performances mit dem menschlichen Körper und dessen geschlechtlichen Identität. Radikal stellt er konventionelle Geschlechterrollen in Frage, analysiert ihre sozialen Konventionen und Konstruktionen. In theatralisch wirkenden Settings dekonstruiert er sexuellen Typologien und ihre Auswirkungen auf Identität und Subjekt. Ausgewählte fotografische Arbeiten der 1990er und 2000er Jahre sind in der Ausstellung zu sehen. Sie kreisen um die Ästhetisierung des Existenziellen, um die Unzulänglichkeiten des Daseins und Bedingungen des Lebens, um die Struktur von Welt, Gesellschaft und innerer Zusammenhänge. In melancholischer Ästhetik wird die paranoide Struktur unserer gegenwärtigen Welt vorgestellt. Vor dunklen Hintergründen wirken die Akteure dieser Choreographie eingefroren und maskenhaft, skulptural und in einem erotischen Schwebezustand. Mit Bett- und Tischobjekten, Stühlen oder von der Decke hängenden Gegenständen arbeitet sich Klauke an Weltentwürfen ab, arrangiert mit und auf ihnen typisierte Menschen und lässt innere Erfahrungen bildlich sicht- und spürbar werden. Ein poetischer wie melancholischer Blick, rätselhaft und hochästhetisch, aber immer auch garniert mit feinem Humor und subtiler Ironie.
Noch vor der Pandemie entstanden erscheinen die Kunstwerke von Klauke wie Micheli gegenwärtiger den je. Sie erfahren, unter dem Eindruck unserer aktuellen unsicheren Zeit, eine neue Beachtung und Lesart.

Kurator und Text: Günther Oberhollenzer